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Presseartikel zur Tagung "Moderne Arbeitsformen als nachhaltige Mobilitätslösung"

Auf Einladung des Arbeiter-, Freizeit- und Bildungsvereins - AFB Bozen und des Europäischen Zentrums für Arbeitnehmerfragen EZA in Königswinter (D) haben Experten*innen aus verschiedenen europäischen Ländern Konzepte und gute Beispiele dazu vorgestellt, wie nachhaltige Mobilitätslösungen die Arbeits- und die Konsumwelt von morgen verändern.

„Viele Städte und Regionen stellen inzwischen statt dem Auto den Menschen wieder in den Mittelpunkt der gesellschaftlichen Entwicklung“, betonte Hermann Knoflacher, Professor an der Universität Wien und Pionier nachhaltiger Mobilitätskonzepte. Dank der Entschleunigung, besserer Luftwerte, weniger Bodenversiegelung, mehr Platz in den Wohngebieten für Kinder und der Neubelebung der Gemeinschaftswerte steigt nämlich die Lebensqualität. In den Referaten wurden von MobilitätsexpertInnen vor allem Möglichkeiten aufgezeigt, wie in regionalen Wirtschafts- und Lebensräumen nachhaltige Mobilitätslösungen umgesetzt werden. Im Covid-19-bedingten Lockdown ist die Nutzung digitaler Arbeitsformen, von der Telearbeit über den Ausbau der Plattformökonomie bis hin zu Telekonferenzen sprunghaft angestiegen. Die dadurch bedingte Reduzierung der Mobilität hat die Luftqualität vor allem in den Städten schlagartig verbessert. Für die Arbeitnehmer*innen ermöglichte die Arbeit im Homeofficemodus eine flexiblere Gestaltung des Arbeitsaufkommens, bewirkte aber auch mehr Leistungsdruck und Unsicherheit in Bezug auf sozialen Schutz und die rechtliche Einordnung dieser Beschäftigungsform.

Martin Reis, Fachbereichsleiter Mobilität des Energieinstituts Vorarlberg, rief dazu auf, beim eigenen Mobilitätsverhalten alte Gewohnheiten in Frage zu stellen. Im Grenzgebiet zwischen der Schweiz, Liechtenstein, Österreich und Deutschland wurde sehr erfolgreich ein Projekt zur Pendler*innenmobilität und Gesundheitsförderung lanciert. Pendler*innenbefragungen haben deutlich gemacht, wie wichtig neue Angebote zur Förderung des Umstiegs auf Fahrrad, Carsharing oder öffentliche Verkehrsverbindungen sind: z. B. Unterstützungen beim Ankauf von Fahrrädern oder E-Bikes, attraktive Fahrradabstellanlangen, Vergünstigungen für Öffis. Die Unternehmen leisten einen wichtigen Beitrag, indem sie Synergien zwischen dem betrieblichen Gesundheits- und Mobilitätsmanagement herstellen und damit nachhaltiges Mobilitätsverhalten mit einem guten Nimbus ausstatten.

Südtirol ist im Bereich nachhaltige Mobilität sehr gut aufgestellt, was das öffentliche Nahverkehrsnetz, die Radmobilität, Carsharing, E-Mobilität und einige gemeindespezifische Projekte zur Verkehrsvermeidung und nachhaltigen Verkehrslenkung angeht. Wie Harald Reiterer von der Südtiroler Transportgesellschaft ausführte, wird das Mobilitätsmanagement aus vier unterschiedlichen Perspektiven angegangen: auf betrieblicher, kommunaler, schulischer und touristischer Ebene. Die Landesregierung unterstützt solche Initiativen durch verschiedene Förderungen und will zu einer Modellregion für alpine Mobilität werden.

Die Telearbeit und die Nutzung von Internetplattformen haben sich während dem Lockdown als sehr effiziente Instrumente erwiesen, um die Arbeitsprozesse in Gang zu halten. Dieter Mayr vom SGB-CISL hat aus gewerkschaftlicher Sicht darauf verwiesen, dass bei digitalen Beschäftigungsformen eine klare Regelung der Art des Arbeitsvertrags und der Rechte der TelearbeitnehmerInnen sowie des sozialen Schutzes notwendig ist. Hierfür muss ein gesetzlicher Rahmen geschaffen werden. Durch Tarifvereinbarungen und lokale bzw. Betriebsabkommen können dann die Details geregelt werden. De facto bewegen sich solche Beschäftigungsformen häufig im Grenzbereich zwischen abhängiger und selbständiger Beschäftigung. Wichtige Aspekte sind z. B., dass das Unternehmen die entsprechende Arbeitsstation bereitstellt und dieselben sozialen Schutzrechte Anwendung finden wie für die Stammbelegschaft. Auf EU-Ebene wird über eine einheitliche Regelung für die immer mehr länderübergreifende Nutzung von digitalen Arbeitsplattformen nachgedacht.

Madeleine Rohrer, in der vergangenen Amtsperiode Stadträtin für Umwelt und Mobilität in Meran, zeigte an zahlreichen Beispielen auf, wie das neue Mobilitätskonzept unter Einbindung der Bürgerinnen und Bürger entwickelt worden ist, um die Stadtentwicklung nachhaltiger zu gestalten. Die Gemeinde Meran setzte dabei vor allem auf die Erhebung von Zahlen und Fakten, um eine gemeinsame Grundlage für die Diskussion zum neuen Mobilitätsplan zu schaffen. Der Austausch von Bürger*innen mit den Planungsexperten*innen zur Gestaltung des Stadtbildes erwies sich als sehr fruchtbar. Dadurch konnten Projekte erarbeitet werden, hinter denen die Bevölkerung steht. Besonderen Wert legte Rohrer auf die Einbeziehung der Kinder, damit diese auf Spielstraßen und Skatingbahnen auf öffentlichen Plätzen wieder Besitz von den öffentlichen Räumen ergreifen konnten. Für Arbeitnehmer*innen wurden in Abstimmung mit den Unternehmen Anreize für den Umstieg auf das Fahrrad als Pendlerfahrzeug eingeführt und Mitfahrbörsen organisiert. Teil des neuen Mobilitätskonzepts sind u.a. die Förderung der Fußgänger*innen- und Fahrradmobilität und der Umstieg auf Elektrobusse. In Luxemburg können seit März 2020, wie Robert Weber, früherer Abgeordneter im Luxemburgischen Parlament berichtete, die öffentlichen Verkehrsmittel kostenlos benutzt werden. Es sind jedoch noch zahlreiche Weichenstellungen notwendig, um das große Verkehrsaufkommen von den Straßen auf öffentliche Zubringerdienste zu verlagern. U. a. wird das Tramnetz weiter ausgebaut.